Hagenmarkt: Wie ein Sturmtief die Demokratie herausfordert

Der Hagenmarkt nach Sturm und Aufräumarbeiten. Minimalisten loben die „Transluzenz“ des ehemaligen „Wäldchens“. Foto: Klaus Knodt

Grüner Park oder lichte Freifläche, steinerner Aufenthaltsort in Form eines antiken Amphitheaters oder ein echter „Kirchplatz“ für St. Katharinen? Verkehrsknotenpunkt, Freisitzfläche für die umgebenden Restaurants oder „Erholungsort“ für einkaufsmüde Bürgerinnen und Bürger? Kommunalpolitiker, Anwohner, Anlieger und Initiativen ringen schon jetzt um die Konzepte zur Neugestaltung des Hagenmarkts. Rund 100 Interessierte aller Parteien und Couleurs trafen sich zum 1. Bürgerforum im Gemeindehaus der Katharinenkirche.

Als Orkan „Xavier“ am Donnerstag, 5. Oktober 2017 mit Spitzengeschwindigkeiten von über 120 Stundenkilometern durch Braunschweig tobte, fällte er auch einen Großteil der Bäume rund um den Heinrichsbrunnen. Die etwa 30 Jahre alten Robinien, aus Nordamerika eingeführte Neophyten, splitterten massenhaft unter seiner Wucht. Die ursprünglichen Pfahlwurzler, die mit zunehmender Höhe dank hohem Wasserbedarfs ihre Wurzeln in der Fläche ausbreiten, fanden keinen Halt mehr im städtischen Untergrund. Sie hatten sich dank ihres schnellen Wuchses seit Pflanzung in den 80-er Jahren zu einem „Hagenwäldchen“ entwickelt, so Heimatpfleger Dipl.-Ing. Elmar Arnhold: „Eine wirkliche Aufenthaltsqualität für Passanten und Besucher Braunschweigs hat sich damit jedoch nicht etablieren können“, stellte er nüchtern fest. In der Dämmerung von furchtsamen Naturen gemieden, dank der Uneinsehbarkeit von Freilufttrinkern geliebt, war die grüne Nische mit von Vogelkot und plattgetretenen Baumsamen verunreinigten Pflasterwegen kaum noch gesellschaftsfähig.

Rund 100 Interessierte, darunter viele Kommunalpolitiker, Mitglieder von Initiativen und Anwohner, kamen zum „Bürgerforum zur Neugestaltung des Hagenmarkts“. Foto: Marcus von Bucholz

„Erwarten Sie nicht, dass wir heute Konzepte präsentieren“ dämpfte Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer schon zu Versammlungsbeginn die Erwartungen der ZuhörerInnen, die mit festen Meinungen, manifesten Konzepten und detailliert ausgearbeiteten Planungsentwürfen der Versammlung beiwohnten. Schon das Wort „Umgestaltung“ durch Moderatorin Claudia Gorille entlockte Besuchern im Publikum ein vehemment-entschiedenes „Nein! Nein!“. Stattdessen gab’s für alle BesucherInnen Kärtchen, auf denen sie ihre Hagenmarkt-Wünsche eintragen durften. Diese wolle die Verwaltung erstmal sammeln und dann einer 7-köpfigen Projektgruppe unter Leitung von Klaus Hornung (Stadt) der Auswertung unterziehen. Danach, so Leuer, hätten die vielversprechendsten Vorschläge die Chance, sich in weiteren Projektgruppen der BürgerInnen und AnliegerInnen zu behaupten. Zum Schluß solle in einem weiteren Bürgerforum ein „Zivilkonzept“ beschlossen werden. Alles unter strenger wissenschaftlicher Kontrolle von Professor Walter Ackers („Ackers Partner Städtebau“) und gestützt von einem Verkehrsgutachten, das Ende März vorliegen könnte. Und dann hat ja auch noch die Politik (Bezirksrat Innenstadt, Rat) was zu sagen...

Prof. Walter Ackers beplant im Auftrag der Stadt und in Zusammenarbeit mit der „Richard Borek Stiftung“ schon seit 2014 die Umgestaltung des Hagenmarkts. Wie viel Honorar seine Firma bekommt, wollte die Stadt nicht verraten. Foto: Marcus von Bucholz

Man könnte fast glauben, Braunschweig baut hier einen Großflughafen oder zumindest einen neuen Hauptbahnhof, tief unterirdisch. Zur neuen Stadtdemokratie, von Sturmtief „Xavier“ ganz nebenbei herausgefordert, gehört auch Ackers’ Vorabbilanz: „Unbeachtet des Planungsprozesses wird es wohl nicht ohne Enttäuschungen abgehen“.

Zu widersprüchlich sind die Anforderungen: Während die Kirche St. Katharinen hauptsächlich um die Statik ihres Gotteshauses fürchtet, denkt die Innenstadt-SPD an das Wohl der Radfahrer und eine Verkehrswende. Wie man die „konkurrierend und im Widerspruch stehenden“ Wünsche an „Verkehr, Aufenthaltsqualität, Anwohner- und Geschäftsinteressen in Einklang bringt“ (Ackers) scheint schon jetzt unlösbar. Wie einfach hatten es da die Planer der Nachkriegszeit: Sie konnten aus dem Trümmergrundstück einfach per Ordre de Mufti einen Busbahnhof mit angrenzendem Parkplatz machen. (Gottlob) sind diese Zeiten vorbei. Nachteil der neuen Zeit ist allerdings, dass sich der zeitliche Planungskorridor für die Umgestaltung in eine Zukunft ungewisser Dauer verlängert.

 

Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer, Projektleiter Klaus Hornung und Architekt Prof. Walter Ackers (von links) stellten sich den Fragen der BürgerInnen. Foto: Marcus von Bucholz

Man kann nur hoffen, dass die gefallenen Robinien in dieser Zeit nicht ihr heimtückisches Wesen zutage fördern: In der Transluzenz des gelichteten Blätterdachs gedeihen ihre wirtsnah abgelegten Samen besonders gut. Wenn sie erst mal keimen, wachsen sie bis zu 50 Zentimeter pro Jahr in die Baumschutzsatzung der Stadt hinein.


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