Nachricht vom Wolf. Ein Forscher der TU Dresden ist dem Raubtier auf der Spur.

Foto: Rodolpjo Duba_pixelio.de

WOLFS-DEBATTE:

Sächsische Zeitung - 26.03.2018

Wolf und Stier haben etwas gemeinsam: Sie liegen auf der Lauer. Der Wolf, um einen stattlichen Damhirsch zu reißen und zu fressen. Der Stier, um den Wolf schlafen zu legen. Der Wissenschaftler Norman Stier von der Professur für Forstzoologie der TU Dresden verbringt derzeit immer wieder Nächte im Mecklenburger Wald. Er sucht Wölfe. Tiere, die in seine Fußfalle tappen. Hat er sie gefangen, betäubt er sie mit dem Pfeil aus einem Blasrohr. Nur so kommt er ganz nah an die Raubtiere heran. Nur so kann er ihnen ein Halsband mit einem Sensor umlegen. Norman Stier will wissen, wie die Wölfe ticken.

Nicht nur die Wölfe. Seit 2015 betreut der promovierte Forstingenieur ein Forschungsprojekt, das herausfinden soll, wie sich Wolf und Damwild im gleichen Lebensraum verhalten. „Ausgangspunkt war die Annahme eines Kollegen, dass der Wolf das Damwild ausrotten könnte“, berichtet Norman Stier. Er und seine Kollegen wollten es genauer wissen. Ihr Instrument dafür: die Telemetrie. Die Tiere bekommen einen Sender um den Hals gelegt beziehungsweise als junges Damwild-Kalb eine kleine Ohrmarke verpasst. Diese übertragen regelmäßig ihre Standortdaten. Damit lässt sich genau erkennen, wie die Tiere sich über den Tag durch ihren Lebensraum bewegen. Wann und wo sie schlafen, welche Verstecke sie dafür nutzen. Und im Fall von Wolf und Damhirsch: Ob der eine den anderen letztlich komplett vertreibt.

Das Besendern, wie es die Wissenschaftler nennen, ist jedoch komplizierter als gedacht. Die Tiere müssen sich anlocken lassen, nicht immer ist das einfach. Bisher werden 44 Stück Damwild, 14 ausgewachsene und 30 Jungtiere, sowie sechs Wölfe mittels Telemetrie überwacht. „Wir haben am Anfang des Projekts gedacht, dass wir deutlich schneller deutlich mehr Tiere einbeziehen können“, sagt Norman Stier. Doch es dauert. Also schiebt der Forscher derzeit regelmäßig Nachtschichten, um mehr tierische Studienteilnehmer zu finden. Jetzt im Frühjahr sucht er nach zusätzlichen Wölfen. Dieses Nachtleben macht ihm nichts aus. Wildtiere faszinierten den heute 47-Jährigen schon als Jugendlichen. Dass er sich jetzt so intensiv mit dem Wolf beschäftigen könne, wäre für ihn ein Glück.

Doch wofür das Ganze? „Wir wissen derzeit viel zu wenig darüber, wie sich die Wolfsansiedlung langfristig auswirken wird“, erklärt Stier. „Und auch, was sein Mitjagen auf Damwild für die Jäger bedeutet.“ In Mecklenburg-Vorpommern leben seit 2006 wieder Wölfe. Doch belastbares Zahlenmaterial dazu fehlte. In den Untersuchungsgebieten Ueckermünder Heide und dem Forstamt Jasnitz gehören Damhirsche zur Hauptnahrungsquelle der Wölfe. Wie viel Damwild sie allerdings reißen, das waren bisher nur Vermutungen. Damit Abschusspläne für Jäger in Zukunft allerdings nicht mehr nur auf Vermutungen basieren, sind Daten nötig. Genau die sammeln Stier und seine Kollegen. Unterstützt werden sie von Ehrenamtlichen, die die Fressplätze der Wölfe aufsuchen und schauen, was genau da verspeist wurde. Die Telemetrie macht es schließlich möglich, diese Fressplätze zu finden.

Und noch etwas hat Norman Stier festgestellt: Das Damwild ist vorsichtiger geworden, haben die Wissenschaftler bis jetzt festgestellt. Das Verhalten der Tiere war in der Vergangenheit sehr berechenbar – auch für den Wolf. Sie hatten feste Plätze, an denen sie regelmäßig auftauchten. „Wir beobachten, dass das Damwild deutlich unsteter wird,“ erklärt Stier. Bis zum Ende des Projekts 2019 soll genau das weiter beobachtet werden.

Die Ergebnisse werden sich aber auch dann nicht eins zu eins auf andere Wolfsgebiete in Deutschland übertragen lassen. In jeder Region ist das Verhältnis von Wolf und Beutetieren anders. Eigentlich bräuchte es mehr solcher groß angelegter Telemetrie-Projekte, sagt Stier. Damit klar wird, wie sich die Bestände entwickeln. Dafür legt er sich auch weiterhin auf die Lauer.

 


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