Gelbe Tonne grün gerechnet – Nachbetrachtung zu einer „Umweltschutzdebatte“

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© Fachhochschule Brandenburg (von braunschweig-spiegel.de verfremdet)

Der Rat der Stadt Braunschweig hat sich in der Sondersitzung am 15. März Bedenkzeit zur Nicht/Einführung der Gelben Tonne ab 2014 eingeräumt (s. unser Beitrag 16.03.2011). Als „schlichtweg peinlich“ kommentiert Holger Herlitschke in der BZ vom 16. März diese Entscheidung; Braunschweig habe, so der Vorsitzende der Grünen-Ratsfraktion, die Chance vertan, 30.000 t CO2 einzusparen. Für wen das  Ergebnis der Auseinandersetzung um die Gelbe Tonne peinlich ist, ließ Herlitschke offen.

Bürger, die in kritischer Verantwortung die ökologischen Eigenschaften der Gelben Tonne im Vergleich mit dem bestehenden Wertstoff-Sammelsystem verstehen wollen und dazu die von der Stadt bereit gestellten Informationen sichten, stellen fest:

1. Die im Abfallwirtschaftskonzept auf Seite 97 vorgenommene Bezifferung der Sammelquote für Leichtverpackungen mit 37% basiert auf einer Analyse des Sammelaufkommens der Jahre 2002 bis 2008.

Die Berücksichtigung aktueller Angaben, die in der Ratsvorlage zum 22.02.2011 auf Seite 4 nur beiläufig aufgeführt sind, ergibt: Die Menge der gesammelten Wertstoffe hat sich von 3.300 t im Jahr 2008 auf 4.275 t im Jahr 2010, also um 30%!!, erhöht. Diese Entwicklung korrespondiert mit der in 2009 erfolgten Umrüstung von 3-Kammer- auf 1-Kammer-Container; sie verdeutlicht, dass die Sammelquote mit hin- bzw. unzureichenden Aufnahmekapazitäten der Sammelcontainer steht und fällt. Das gestiegene Sammelaufkommen wird mit der Beibehaltung der Sammelquote von 37% ignoriert.

2. Vergleiche ermöglichende Angaben, wie z.B. zur stofflichen Differenz zwischen den über das Containersystem erfassten „Leichtverpackungen“  und den über die Gelbe Tonne zu sammelnden „Wertstoffen“, liegen nicht vor.

3. Mengenangaben zu den gesammelten Stoff- und Stoffuntergruppen sowie Erläuterungen zu den jeweiligen umwelt- klima- und ressourcenschutzrelevanten Implikationen fehlen.

4. Die Modalitäten der Wiederverwertung der sortierten Wertstoffe - das Recyceln von deutschen Abfällen in außereuropäischen Ländern unter Inkaufnahme klimaschädlicher Transportwege ist üblich - sind nicht thematisiert.

Zusammenfassend ist festzuhalten: In den vorliegenden Informationen wird die bestehende Bring- und Sammelbereitschaft der Bürger nieder gerechnet und mit einer als unverbesserlich angenommen Sammelquote abqualifiziert. Eine Erhöhung der Sammelquote durch eine Erhöhung der Container-Aufnahmekapazitäten bzw. durch eine häufigere Leerung wird nicht erwogen. Zugleich wird das Sammelgut mit einem nicht fassbaren Umweltbonus belegt. Somit fehlen elementare Voraussetzungen, um die unterstellten Umweltvorteile der Gelben Tonne nachvollziehen zu können.

Der Abfallwirtschaftsbetrieb der Stadt München erklärt im erst kürzlich veröffentlichten Beitrag „Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Abfall – eine Rohstoffquelle der Zukunft?“ zu den ökologischen Effekten des Recycelns: „Die über die Dualen Systeme entsorgten Kunststoffpackungen werden zu über 50% energetisch verwertet und zu erheblichen Teilen nach Asien exportiert.“ Zudem „spricht die häufige Schadstoffbelastung in Kunststoffprodukten, wie beispielsweise die Weichmacher (Phthalate), gegen eine Kreislaufführung dieser Abfälle und damit der Giftstoffe.“

Die Grünen-Ratsfraktion wollte die entgangene Einsparung von 30.000 t CO2 nicht erläutern. Eine entsprechende Anfrage beantwortete Herlitschke am 18.03.2011 mit Verweis auf die exakten Zahlen und Daten des Bundes für Umwelt und Naturschutz.

Braunschweig-spiegel.de bat Dr. Eva Goclik als Vorstandsmitglied der hiesigen BUND- Kreisgruppe um einen Textbeitrag, der den  Bürgern die BUND- Berechungen zu den Klimaschutzvorteilen der Gelben Tonne im Vergleich mit der gegenwärtig in BS praktizierten Kunststoffsammlung näher bringt. Die Antwort vom 20.03.2011 lautet: „Eine öffentliche Darstellung würde m. E. eher zu Missverständnissen als zur Aufklärung führen.“

Der BUND Braunschweig präsentiert auf seiner Internetseite ausschnitthaft CO2-Berechnungen, denen die o.g. überholte Sammelquote und eine unrealistische Recyclingquote zugrunde liegen. So geht der Umweltverband von einer 100%igen Wiederverwertung der gesammelten Wertstoffe und einer entsprechenden CO2-Einsparung durch den völligen Verzicht auf Verbrennung aus. Hingegen steht auf Seite 12 einer Werbebroschüre des in Braunschweig verpflichteten Abfallentsorgunternehmens Alba, dass die Alba Group Wertstoff-Teilmengen verbrennt und „70% der von ihr gesammelten Kunststoffabfälle werkstofflich verarbeiten“ kann. Ob diese Recyclingquote auch für die in Braunschweig gesammelten Wertstoffe gilt und wo auf der Welt diese zu einem neuen Werkstoff aufbereitet werden, ist nicht beschrieben. Was weiß der BUND zu Letzterem? Auf welcher Klima- und Umweltschutzbilanz basieren die selektiven Aussagen des Umweltverbandes? 
 
Nachvollziehbar rechnen, allgemeinverständlich darstellen und alternative Strategien offen diskutieren – das wäre Fortschritt in der politischen Kultur der Löwenstadt!


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