1 Jahr und 10 Fragen. Henning Noske im Interview

Vor gut einem Jahr ist der ehemalige Wissenschaftsredakteur der Braunschweiger Zeitung Henning Noske Leiter der Lokalredaktion geworden. Das war für den Braunschweig-Spiegel.de (B-S) Anlass, mit Herrn Noske ein Interview zu führen. Der B-S war vor einigen Jahren aus einer Bürgerbewegung heraus entstanden, die aufgrund zahlreicher Anlässe mit der meinungsgebenden Lokalzeitung äußerst unzufrieden war. Doch die BZ hat sich verändert. Lesen Sie, was Herr Noske auf meine zehn Fragen antwortete.

1.      Eine Lokalredaktion Braunschweig mit Henning Noske an der Spitze. Sind Sie zufrieden mit dem bisher Geleisteten oder nur noch gestresst?

Beides! Teilweise recht zufrieden, weil ich in dem einen Jahr schon viel bewegen konnte. Unzufrieden, weil ich mein Gestaltungspotenzial auch ein wenig überschätzt habe. Vieles dauert mir zu lange. Auf mehr Stress war ich allerdings vorbereitet. Das ist vollständig eingetroffen.

 

2.      Was ist gelungen? Gibt es Dinge, die Sie erreichen wollten aber nicht erreichen konnten?

Schneller als gedacht ist es uns in der Lokalredaktion gelungen, unsere Unabhängigkeit deutlich zu machen. Es ist die Botschaft, dass wir nur unserem Leser verpflichtet sind, niemandem sonst. Diese Botschaft ist sehr schnell angekommen.
Das, was wir noch nicht erreichen konnten, braucht mehr Zeit. Es geht heute nicht mehr nur noch um das Verwalten und Abarbeiten von Stoff, so spannend er sein mag. Eine Redaktion muss Themen setzen und neue journalistische Projekte entwickeln. In Braunschweig ist unsere Redaktion das Forum in einer meines Erachtens einzigartig polarisierten Szene. Es gibt riesige Erwartungen an uns, die wir nur in einer Teamleistung einlösen können. Aber Redakteure sind immer noch eher Einzelkämpfer mit Spezialwissen als Teamspieler.  Da hat sich manches auch über sehr viele Jahre verfestigt. Da kann man dann nicht über Nacht so einfach sagen: So, und jetzt spielen wir mal im Team. Mit Einzelkämpfern kommt man jedoch nicht weiter, da schließe ich mich ganz bewusst ein.  Wir sind auf einem guten Weg, aber es dauert.

3.      Mir scheint die BZ offener geworden zu sein. Sie macht den Eindruck, dass sie mehr innere Vielfalt bekommen hat. Dass Redakteure nicht mehr an der kurzen Leine der leitenden Redakteure sind. Mit der Veränderung werden sicher auch Leser und Funktionsträger geprellt, die zuvor hofiert wurden.

Ich möchte Ihnen nicht widersprechen. Das ist schön, dass das deutlich wird, denn es ist kein Zufall. Von vertrauten Pfaden abzuweichen, ist jedoch nicht immer ganz unproblematisch. Änderungen stoßen häufig vor den Kopf, wenn man etwas wegnehmen muss.  So werden z. B. nur noch in Ausnahmefällen Pressemitteilungen abgedruckt. Natürlich wollen Parteien oder Verwaltung gerne ihre Mitteilungen bei uns im Blatt sehen, am besten noch ungekürzt. Doch wir müssen konsequent sein: Wo Redaktion draufsteht, muss auch Redaktion drin sein.
Grundsätzlich haben die Änderungen in der BZ ein positives Echo gezeigt, auch bei der Wirtschaft und den kritischen Bürgern. Natürlich grummelt auch Protest bei denen, die nun meinen, bei uns zu kurz zu kommen. Ich kann dazu immer nur sagen, bei uns kommt am Ende keiner zu kurz. Das wäre doch vollkommen unprofessionell, irgendetwas im Spektrum der Themen und Meinungen auszublenden. Heißt aber auch: Da ist eben immer auch noch eine andere Meinung! Kritik der Leser und Leserinnen am Kurs des Lokalteils ist dennoch immer angebracht, die habe auch ich. Der Lokalteil ist das Flaggschiff der Lokalzeitung. Vielfalt punktet, nicht Einseitigkeit. Dafür haben wir Formate eingeführt, um die unterschiedlichen Meinungen deutlich werden zu lassen. Nehmen Sie die Leserforen.  Ende Oktober/Anfang November wird es zudem ein "Schlag auf Schlag" geben. Links und rechts Vertreter von Pro und Contra, ein Redakteur in der Mitte. Komplett online und in der Zeitung nachzulesen. Mit der Flughafenerweiterung, bei der es noch einiges aufzuarbeiten gilt, werden wir beginnen.

4.      Bis vor 18 Monaten zeichnete sich die Lokalredaktion der BZ durch eine besonders intensive Nähe zu der Verwaltungsspitze aus. Das nervte und entsetzte viele Bürger und Bürgerinnen. Es scheint hier eine journalistische Professionalisierung in der Lokalredaktion eingetreten zu sein. Wie würden Sie das Verhältnis zum Rathaus nun charakterisieren?

Eine redaktionelle Arbeit muss von Distanz geprägt sein. Eine Seite Redakteur - andere Seite Verwaltung. Beide Seiten haben unterschiedliche Aufgaben. Sie stehen nicht auf der gleichen Seite. Die Zeitung darf keine Politik machen, aber sie schreibt darüber, wie Politik gemacht wird. Nicht einmal im Ansatz darf der Verdacht eines Klüngels zwischen Politik und Redaktion aufkommen. Das kann ein schwieriger Spagat sein, denn trotzdem sind wir natürlich auf Informationen angewiesen. Es gibt Journalisten, die glauben, nur durch die Gewährung journalistischer Gegenleistungen Informationen erlangen zu können. Man sollte sich jedoch vor voreiligen Schlüssen hüten: Anders komme ich doch manchmal nicht an die Exklusivgeschichten, die das Salz in der Suppe des Journalismus sind. Dadurch darf jedoch die Glaubwürdigkeit nicht beschädigt werden - und deshalb sollten wir darauf achten, dass diese Geschichten dann nicht immer nur aus der gleichen Richtung kommen. Am Ende bleibt es dabei: Es geht um spannenden, ehrlichen, authentischen Lesestoff, der den Leser bindet. Der ihn wirklich fesselt. Wenn er sich irgendwann einmal von uns hintergangen fühlt, dann dauert es Jahre, ihn zurückzugewinnen. Falls das überhaupt noch einmal gelingt.

5.      Neu ist in der BZ im Online-Auftritt das Leserforum mit Kommentarfunktion. Das ist aufwändig und teuer. Ist es dadurch nur vorübergehend?

Es ist eine publizistische Pionierentscheidung des Verlags, den Lesern unmittelbar nach der Lektüre online direkt eine Möglichkeit zu bieten, ihre Meinung zu sagen. Ungefiltert, ohne Schwelle, ganz überwiegend anonym.  Wir haben mit diesem Hintergrundrauschen, diesen Buh-Rufen oder eben auch dem Applaus aus einer unübersichtlichen Menge im Grunde genommen ein neues Medium eröffnet. Denn mit den ehrwürdigen und notwendigen Qualitäts-Kriterien des Printjournalismus hat das nicht mehr viel zu tun. Da wird noch jeder Leserbrief auf Tatsachenbehauptungen überprüft, der Autor ist uns zudem mit Namen und Wohnort bekannt. Beides existiert jetzt nebeneinander. Dieser Weg wird auch intern ausgiebig diskutiert. Unsere fünfköpfige Online-Redaktion stellt neben der ständig aktuellen Produktion des BZ-Portals sicher, dass jeder Kommentar gelesen und auf Vereinbarkeit mit unseren  Kommentarregeln geprüft wird. Diese sogenannte Netiquette sagt im Grunde genommen nichts anderes, als dass es keine Beleidigungen, keine falschen Behauptungen und vor allem nichts geben darf, das Menschen verachtet und herabwürdigt. Leider müssen sehr viele Kommentare dennoch gelöscht werden.
Es zeigt sich aber, dass auch die Vorteile erheblich sind. Das gilt besonders für unseren Anspruch, "Bürgerzeitung" zu sein. Natürlich auch online. Wir treten - egal auf welcher Schiene - mit den Leserinnen und den Lesern in Kontakt und hören ihnen zu. Wir haben das Ohr buchstäblich auf der Schiene und bekommen so auch neue Informationen und Impulse, denen wir nachgehen können. Es ist hart, offen, ungeschminkt, manchmal gemein und verletzend. Aber es ist gleichzeitig die konsequenteste Form von Meinungsäußerung, die ich bisher erlebt habe. Mir schwant, dass es besser ist, sich dem offen zu stellen statt zu glauben, dass es diese Stimmen und Stimmungen nicht mehr gibt, wenn wir sie nur ausblenden. Das ist bestimmt nicht nur vorübergehend.

6.      Die BZ ist eine Monopolzeitung in Braunschweig. Wie ist es mit dem Demokratieverständnis bezüglich der 4. Säule neben der Exekutive, Legislative und Judikative? Welche wichtigen Maßstäbe haben Sie hinsichtlich der Meinungsvielfalt?

Das ist janusköpfig. Man wird es ja nicht wirklich bedauern, wenn der eigene Verlag und die eigene Zeitung so erfolgreich ist. Die Problematik sehe ich jedoch durchaus, weil Vielfalt immer gut ist. Konkurrenz belebt das Geschäft und spornt zu noch besserer Leistung an. Allerdings glaube ich auch, dass das Bild von der Monopolzeitung ohnehin schon lange nicht mehr stimmt. Das stammt von früher, als ohne die BZ nichts lief und diese eine ausgeprägte Gatekeeper-Funktion hatte. Heute gibt es eine Fülle an konkurrierenden Medien auf allen Kanälen - und der Kampf um die Zeit der Kunden ist brutal. Wer da noch glaubt, ein Monopol zu haben, hat vermutlich schnell keins mehr. Allerdings: Aus der Alleinstellung eines umfangreichen Lokalteils erwächst natürlich eine hohe redaktionelle Verantwortung. Nichts, kein Thema darf ausgeblendet werden. Wir müssen über die unterschiedlichen Meinungen bereits im Vorfeld von Entscheidungen berichten, damit sich die Leser eine Meinung bilden können. Verlautbarungsjournalismus verträgt sich nicht mit dem Wunsch nach Transparenz.

7.      Es scheint in der BZ bei allen positiven Änderungen einen Mangel an investigativem Journalismus zu geben. Halten Sie es für möglich, den recherchierenden investigativen Journalismus auch im lokalen Bereich zu forcieren?

Ja, es ist nötig und es ist möglich. Obwohl investigativer Journalismus mit einem extrem hohen Aufwand verbunden ist, oftmals übrigens vergeblich, muss es unser Ziel sein, hier aktiver als bislang zu werden. Bei der VW-Affäre waren wir schon gut dran. Es gibt jedoch Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. In der Redaktion braucht es ein gutes Team, das sich für einen bestimmten Zeitraum ausklinken kann. So haben wir das bei der VW-Affäre auch gemacht - eine Taskforce wurde gebildet.  Teamarbeit ist unerlässlich. Es geht zudem nicht ohne Informanten, die sogenannten  Whistleblower. Sie haben ein Interesse, dass Missstände ans Licht kommen. Und sie haben echte Kenntnisse, die sie belegen können, nicht nur eine Meinung oder einen Verdacht. Sie genießen Informantenschutz, eine der heiligsten Regeln der Redaktion. Das Redaktionsgeheimnis ist durch die Pressefreiheit im Grundgesetz und zusätzlich durch die Strafprozessordnung geschützt. Wenn jemand Wissen über Machenschaften, Korruption, Machtmissbrauch  oder Rechtsverstöße hat, dann kann und soll er sich an unsere Redaktion wenden und bleibt anonym. Selbstverständlich werden wir in der Sache recherchieren. Es ist unsere journalistische Pflicht, dem Hinweis nachzugehen und alles zu prüfen, was für und was gegen ihn spricht. Zudem müssen vor einer Veröffentlichung alle Seiten gehört werden und die Gelegenheit zur Stellungnahme bekommen. Gibt es in unserer Stadt eigentlich keine Themen für investigativen Journalismus? Ich glaube schon, bitte jedoch auch um Unterstützung. Wenn etwas da draußen ist, wollen wir es wissen.  Der investigative Journalismus ist für uns ein Prüfstein, den wir stemmen wollen.

8.      Die Werbung ist die größte Einnahmequelle der BZ. Müssen die großen Werbekunden nicht allein schon aus Überlebensgründen geschont werden? Motto: "Wes Brot ich ess..."

Das gibt es nicht. Sowohl der interne Qualitätskodex als auch der Pressekodex pochen auf das sogenannte Trennungsgebot: Redaktion und Anzeigen sind getrennt, es gibt keine Vermischung. Eine Redaktion, die dagegen verstößt, schadet dem Verlag ja nicht nur in Bezug auf ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch wirtschaftlich. Der Geschäftsführer des Braunschweiger Zeitungsverlages, Harald Wahls, hat eine kritische, unabhängige Redaktion ausdrücklich zum Markenkern des Produktes Braunschweiger Zeitung erklärt. Wenn die Redaktion den Leuten nicht auf den Füßen steht, sagt er, dann ist sie keine. Chefredakteur Armin Maus steht für die Bürgerzeitung: Die unabhängige Redaktion nimmt konsequent die Augenhöhe ihrer Leser ein, sie ist von niemandem ferngesteuert. Für die Redaktion bedeutet das enorme Freiheiten, ich verstehe es jedoch auch als Bringschuld. Erste Nagelproben für die Rückendeckung, die das bedeutet, hat es bereits gegeben. Weitere stehen vermutlich noch aus.

9.      Werden Sie noch im Waggumer Freibad baden?

Das Wasser ist mir zu kalt. Spannend und berichtenswert ist es jedoch, wie sich die Bürger in Waggum engagieren. Nicht nur in Demos und Unterschriftensammlungen, sondern durch kräftige Mithilfe am Bad selbst. Wir geben den Bürgern eine Stimme. Diese bringen ihre Leistung ein. Das ist Bürgerzeitung pur. Dagegen stehen allerdings die Kosten, über die wir ebenso berichten.

10.     Welche Frage würden Sie gerne beantworten, die ich nicht gestellt habe?

Was mich in Braunschweig und in meiner neuen Aufgabe jetzt seit einem Jahr stört, das sind diese ungeheuer starren und festgefahrenen Fronten. Das ist in unserer Stadt ungeheuer verbreitet und anstrengend. Viele reden gar nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander. Die Bereitschaft, einmal in neuen Bahnen zu denken, ist unterentwickelt. Ich sagte es schon, ich grüble oft über diese ungeheure Polarisierung. Es geht oft nur um Symbole und Effekte und stets um die gleichen vier bis fünf Themen. Eines davon ist das Schloss. Dann Privatisierung, Flughafen. Ich träume davon, hier einmal aufgeräumt Zeitung machen zu können, denn das sind alles Entscheidungen, die längst getroffen wurden. Zeitung machen heißt für mich, den Leuten schwierige und interessante Sachverhalte zu erklären und sie durch Übersetzung, Wissen und größtmögliche Information und Transparenz entscheidungsfähig zu machen - und sie durch spannenden Lesestoff zu unterhalten. Dabei kann herauskommen, dass manches umstrittene Projekt die Stadt am Ende weitergebracht hat und sie zukunftsfähig macht. Allerdings hat die Art, wie manches in Braunschweig durchgesetzt wurde, auch zu Verletzungen geführt. Konsequente Bürgerzeitung heißt, hier in neuartiger Weise zuzuhören und jetzt auch das Forum zu bieten. Vor einem Jahr habe ich unterschätzt, wie sehr mich das beschäftigen und wieviel Kraft es kosten würde. Ich träume von einer Stadt, die mit Optimismus aufbricht und sich neuen Themen zuwendet.

 


Kommentare

0 #2 Peter rosenbaum 2012-10-16 19:24
Zum Zeitungsintervi ew mit Henning Noske siehe auch:
http://www.braunschweig-online.com/bibs-forum/26-medien/5190-bz-will-sachwalter-kritischer-oeffentlichkeit-sein.html?limit=6&start=6#7546



0 #1 Peter rosenbaum 2012-10-16 19:20
Die Aussage von H. Noske unter Pkt.10:
...ich grüble oft über diese ungeheure Polarisierung. Es geht oft nur um Symbole und Effekte und stets um die gleichen vier bis fünf Themen.
Eines davon ist das Schloss. Dann Privatisierung, Flughafen. Ich
träume davon, hier einmal aufgeräumt Zeitung machen zu können, denn das sind alles Entscheidungen, die längst getroffen wurden."...

...die beklagte Polarisierung ist (Zeitungs-)haus gemacht. Beispiel:
Privatisierung und angebliche Schuldenfreiheit; dank BZ denken immer noch sehr viele, Braunschweig sei schuldenfrei, obwohl das genaue Gegenteil der Fall ist: kein Cent weniger Schulden seit 2001 (Schulden
nur ausgelagert in städt.Gesellschaften), aber negativ zusätzlich
sogar für rd. 1 Milliarde € Vermögen verprasst in fürstl. Fassaden und Events von Otto-Jahr bis operettenhaften Monarchismus.

Bin gespannt, wie die BZ mit dieser schweren Bürde zurückliegender Meinungs-Manipulation umgehen will.
 
 
 

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