Die hässliche Fratze des Weihnachtsmarkts

Anfang Dezember wurde der schönste Stand des Weihnachtsmarkts gekürt und gewählt wurde – oh, Wunder der heiligen Nacht – ein Bratwurst- und Glühweinstand. Gewählt wurde unter anderem vom Domprediger Joachim Hempel und von Gerold Leppa, dem Geschäftsführer der Braunschweig Stadtmarketing GmbH. Eine Wahl, die höchstgradig peinlich ist. Wieso? Weil diese Wahl für das steht, was Braunschweig in den letzten zehn Jahren leider ausgemacht hat: eine Fassadenpolitik.

Es mag durchaus sein, dass die prämierten Stände „Hühnerstall“ und „Bratstube“ eine schön gestaltete Fassade haben. Doch wofür stehen sie? Im „Hühnerstall“ wird der Umsatz hauptsächlich mit Alkohol gemacht. Und in der „Bratstube“ mit toten Tieren. Beides hat absolut nichts mit Weihnachten zu tun. Oder vielleicht doch: Ohne Alkohol die ist fünfzigste Wiederholung von „Last Christmas“ im Radio und der jährliche Konsumrausch nur schwer erträglich. Doch Bratwürste? Bratwürste?

Hinter der Fassade der „Bratstube“ stecken die Höllen der industriellen Tierfabriken und Schlachthöfe. Wie kann ein Domprediger einen Stand würdigen, an dem fühlende Tiere gebraten werden, die intelligenter sind als Hunde und zu 99 Prozent die gleichen Gene haben wie Menschen? Wie ignorant und dumm muss man sein, um gleichzeitig Geld für hungernde Kinder in der Dritten Welt zu sammeln, während man diesen Hunger erst mit dem eigenen Bratwurstkonsum produziert?

Von Gerold Leppa erwartet man leider nichts anderes. Das Stadtmarketing hat in den letzten zehn Jahren reichlich bewiesen, wie Einfaltslosigkeit mit Arroganz einher geht. Die Erfolge des Stadtmarketings wie „mondlichtshoppen“ und „mummekaufgenuss“ sind genauso innovativ und nachhaltig wie „Bratstube“ und „Hühnerstall“. Wie satanisch muss denken, wenn man in einer Zeit, wo Hühner zu Zehntausenden unter unwürdigen Bedingungen in Ställe gezwängt werden, um innerhalb von 30 Tagen schlachtreif zu werden, wenn sie sich nicht vorher totgetreten haben, wie satanisch muss man sein, um einen Glühweinstand „Hühnerstall“ zu nennen. Jeder halbwegs vernünftige Mensch bekommt bei so einem Namen das Kotzen. Ich könnte nicht genug Glühwein trinken, um diese grausame Absurdität zu verdrängen. Aber vielleicht ist es genau diese Kombination, die zur Wahl geführt hat: Erst frisst man grausamen Fraß und anschließend braucht man Glühwein zum Verdrängen.

Wäre ich ein Freund des alten Testaments, so würde ich der Jury wünschen, dass sie – Auge um Auge, Zahn um Zahn – an ihren Bratwürsten erstickten. Als kritisch-rationaler Humanist gebe ich jedoch die Hoffnung nicht auf, dass Menschen ihre Fehler erkennen.

Hätte das Stadtmarketing nur einen Funken Kreativität, so würden sie erkennen, dass ein veganer Weihnachtsmarkt (noch) ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland wäre. Hätten die Vertreter der Kirche nur ein wenig Mitgefühl mit leidenden Lebewesen, so würden auch sie sich für einen veganen Weihnachtsmarkt einsetzen. Und mit dieser Hoffnung auf ein tierleidfreies Weihnachtsfest und einen veganen Weihnachtsmarkt, beende ich diesen Artikel mit einem weihnachtlichen Video der Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt:

 

P.S.: Lieben Dank an den freundlichen Förtchen-Stand für die leckeren Förtchen und die liebevolle Bedienung! Ohne Euch wäre der Weihnachtsmarktbesuch für mich unerträglich gewesen. Wäre ich in der Jury gewesen, hättet ihr meine Stimme für den sympathischsten Stand des Weihnachtsmarkts bekommen ;)

 


Kommentare   

 
+6 #7 Santa 2013-12-26 17:07
Konkret würde den Besuchern eines obligatorischen Weihnachtsmarkt es kaum auffallen, wenn sie einen rein vegetarischen Weihnachtsmarkt besuchen. Einzig würden die Bratwürste- oder Backschinkenstände fehlen. Wozu also die Aufregung? Es gäbe Crepes, Waffeln, Glühwein, Gebäck, Zimt- und Apfelstern, Zuckerstangen, Kerzen und sonstigen Dekoschmuck zu betrachten und zu erstehen. Und nur weil mal an einem einzigen Marktrummel im Jahr die erwartungsgemäße deutsche unchristliche Bratwurst fehlt, wird hier so ein Trara verursacht. Das riecht nach Luxusdebatte.
 
 
 
+5 #6 Karl Napf 2013-12-23 12:41
Lordi Schadt, wer übernimmt die Kosten für den Verdienstausfal l der Budenbetreiber? Bei einem veganen Weihnachtsmarkt kommen vermutlich erheblich weniger Gäste. Ausserdem sollte man dem Verbraucher die Entscheidung überlassen, welche Produkte er verzehren möchte. Sie können doch gerne parallel einen alternativen Markt organisieren!
 
 
 
+1 #5 Lordi Schadt 2013-12-22 13:31
In einem Punkt sind wir jedoch einer Meinung, nur ziehen wir andere Schlüsse: Es stimmt, dass auf jedem Weihnachtsmarkt in Deutschland (noch) tote Tiere verkauft werden. Und genau das wäre eine Chance fürs Stadtmarketing, endlich mal ein innovatives Zeichen für nachhaltige, tierfreundliche , ökologisch wertvolle Stadtevents zu setzen und dem Weihnachtsmarkt ein Alleinstellungs merkmal zu geben. Dies führt dazu, dass sich das Stadtmarketing die 180 Tausend Euro Werbekosten sparen kann, weil bundesweit Medien und Blogs über den veganen Markt berichten würden.
Beste Grüße!
 
 
 
-2 #4 Lordi Schadt 2013-12-22 13:31
zitiere Sandro Dillinger:
Ich bin mit einem Hühnerstall auf dem Hof aufgewachsen, und dort ging es sicher nicht so zu, wie es hier beschrieben wird.

Lieber Sandro Dillinger,
meine Großeltern hatten auch noch einen Bauernhof mit Hühnerstall, daher kenne ich die alte Landwirtschaft aus erster Hand. Die heutige Landwirtschaft hat damit allerdings wenig bis gar nichts zu tun. Rund 99 Prozent der Hühner kommen aus industrieller Massentierhaltu ng. Gute Informationen über die unwürdigen Lebensbedingung en der Masthühner findet man zum Beispiel hier:
http://albert-schweitzer-stiftung.de/tierschutzinfos/massentierhaltung/huehnermast
Das ein Stand die romantischen Assoziationen zum alten Hühnerstall benutzt, um Produkte aus dieser Massentierhaltu ng zu verkaufen, kann man nur als grausamen Euphemismus bezeichnen. Oder um bei Ihrem Vergleich zu bleiben: Das ist so, als würde man Ihnen eine alte Pferdekutsche als BMW verkaufen.
 
 
 
0 #3 Sandro Dillinger 2013-12-22 07:21
Um irgendwann mal wirklich ernst genommen zu werden, sei dem Autor noch ans Herz gelegt, die moralische Kategorie "satanisch" aus seinen Argumentationen zu verbannen. Sie ist unsachlich und zu einem gewissen Grad auch infantil.
Den Braunschweig-Spiegel als Idee einer kritischen Gegenöffentlichkeit auf lokaler Ebene begrüße ich sehr. Beiträge wie der obenstehende sind es allerdings, die einem das regelmäßige Lesen (oder gar Beteiligen) verleiden.
 
 
 
+3 #2 Sandro Dillinger 2013-12-22 07:20
Ich bin mit einem Hühnerstall auf dem Hof aufgewachsen, und dort ging es sicher nicht so zu, wie es hier beschrieben wird. Gefallen hätte er dem Autor wohl trotzdem nicht, denn am Ende eines glücklichen Hühnerlebens stand dort meistens das Hackebeil. Man muss das nicht gut finden. Es ist aber in Mitteleuropa offenbar Sitte, Tiere zu essen. Wenn das den Autor emotional zu sehr anfasst, sollte er es vielleicht mal anderswo versuchen. Kleiner Tipp: Allzu viele rein vegane Gegenden mit Breitband-DSL wirst du nicht finden ;)

Der Autor unterstellt dem Stadtmarketing "Einfaltslosigkeit". Ich nehme an, dass er Einfallslosigkeit meint. Die Einfalt ist dagegen beim Autor zu Hause, wenn er glaubt, dass ein veganer Weihnachtsmarkt (warum eigentlich gleich vegan und nicht erstmal vegetarisch?) ähnliche Besucherzahlen erzielen würde wie der bestehende. Und ja, es geht dem Stadtmarketing ganz sicher vorrangig um die Zahl der Besucher!
 
 
 
-1 #1 Sandro Dillinger 2013-12-22 07:19
Selten so einen welt- und lebensfremden Quark gelesen.

Schon die Prämisse des Artikels bleibt schleierhaft: Warum beschäftigt sich der Autor mit Weihnachtsmärkt en, wenn er davon offensichtlich keine Ahnung und noch weniger Verständnis dafür hat. Auf wohl jedem Weihnachtsmarkt in D gibt es tote Tiere zum Verzehr. Was ist am Braunschweiger Markt nun also die in der Überschrift nach Clicks geifernde "hässliche Fratze", über die es lohnen würde, einen Beitrag zu verfassen?

Die Ungereimtheiten durchziehen leider den gesamten Text, ich möchte aber nur ein Beispiel nennen. Beim Wort "Hühnerstall" werden die meisten Menschen sicher andere Assoziationen haben als der Autor. Er erregt sich leidenschaftlich über Hühnermastanlag en, die mit einem klassischen Hühnerstall allerdings wenig zu tun haben. Das ist in etwa so, als würde er sich bei einem Pferdekutscher über dessen lästige Autoabgase beschweren.
 
 
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