Kleines Haus: Mäanderungen in Klangornamenten

 

 

Zur Uraufführung der Komposition „Heptagramm“ wurde das Orchester auf sieben Musiker-Inseln im Kleinen Haus verteilt, zwischen denen die Zuschauer umherwandeln konnten. Foto: Marcus von Bucholz

Die konzertante Gegenwart ist ein orientalischer Teppich aus Knack- und Zischlauten, mit dem Plektron gezupften Bratschen und xylophonbegleiteter Konga. Das Anschwellen und Decrescendo symphonischer Bläsersätze untermalt zuweilen ein muezzinartiger Sprechgesang aus Moscheelautsprechern. Schellen, Glocken, die Blockflöte als Soloinstrument und Pauken kontrapunktieren das „Heptagramm“ (Titel), das in Akte mit Namen wie „Die Erschaffung“, „Die Tauben der Zahnbürstenbäume und der Moringabäume“ oder „West-Östlicher Diwan“ unterteilt ist.

 

Mitten im Geschehen: Die Grenze zwischen MusikerInnen und ZuschauerInnen wurde aufgehoben. Foto: Marcus von Bucholz

Das Staatsorchester Braunschweig unter Leitung von Alexis Agrafiotis präsentierte das Werk des syrisch-deutschen Künstlers Dr. Rami Chahin zur Eröffnung der bis Sonntag laufenden Themenwoche „Escape to Life“ im Kleinen Haus als Uraufführung. Aus ihren Heimatländern vertriebene und geflüchtete Musiker, zusammengeschlossen im „Welcome Board“, verstärkten und bereicherten den Klangkörper mit Instrumenten wie Nai, Oud, Saz oder der Djembé - wenig gebräuchliches Instrumentarium an klassischen Häusern hierzulande. Und ebenso wandelnd, aber immer wieder miteinander verschmelzend in Rhythmus und Melodie wie die ornamentalen Klänge durften die ZuschauerInnen durch das Orchester mäandern: auf halbdunklen Wegen zwischen sieben Musiker-Inseln, die im Zuschauerraum verstreut lagen und lediglich durch weiße Klebelinien auf dem Fußboden abgetrennt wurden. Zumindest die Grenze zwischen den BesucherInnen und InterpretInnen wurde aufgehoben.

 

Alexis Agrafiotis studierte in Athen Klavier, Komposition und Dirigieren. Seit 2017 arbeitet er fest am Staatstheater Braunschweig. Foto: Marcus von Bucholz

Der „Human Beatboxer“ Patrick Dudek eröffnete die konzertante Klanginstallation mit einem Solo auf mannshohem Bühnensockel in der Mitte des Raumes: anschliessend lenkte Agrofiotis von dort aus seine verstreuten Orchsterteile wie ein Polizist die Autoströme auf einem verkehrsumtosten Platz. Reichlich Applaus für ein ungewöhnliches Stück. Viele Gäste blieben zur anschliessenden Eröffnungsparty im Kleinen Haus.

Dirigent Agrafiotis (Mitte) und Komponist Dr. Rami Chahin (4. v. l.) mit den Muikern des „Welcome Board“ nach der Uraufführung. Foto: Marcus von Bucholz

 

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