Nord Stream 2 oder drohende Gasversorgungskrise ab 2020?

Foto Bicanski, pixnio.com

Der Chor der Stimmen, die vor der Gasleitung Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschland warnen, ist groß und mitunter ziemlich schrill. Russland, das sich sowieso im „gefährlichen Blutrausch“ befinde, wolle Europa über die Gasleitung in eine neue „Form der Sklaverei“ führen, warnt etwa der ukrainische Außenminister Klimkin in der FAZ 18.2.2019). Die Ukraine, die USA, Polen, Estland, Lettland, Litauen und andere feuern ebenso gegen die Pipeline wie nicht wenige deutsche Politiker – stellvertretend seien nur Norbert Röttgen (CDU) und Annalena Baerbock (Grüne) genannt (tatsächlich vertritt Jürgen Trittin, der Nord Stream 2 befürwortet, in seiner Partei längst die Minderheit). Eine einfache, für uns aber sehr wichtige Frage spielt allerdings in den meisten dieser Stellungnahmen keine Rolle:

Wie sicher ist eigentlich unsere Versorgung mit Gas in Zukunft?

Der Energieexperte Hans-Jochen Luhmann, der kürzlich einen Vortrag in der Evangelischen Akademie hier in Braunschweig hielt, sieht jedenfalls eine gefährliche Gasversorgungskrise Anfang 2020 auf uns zukommen, falls Nord Stream 2 torpediert würde und falls die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über einen neuen Vertrag zur Durchleitung von Gas nicht zum Erfolg kämen. Der bestehende Vertrag gelte nämlich nur bis Ende 2019. Wenn nun aber Nord Stream 2 nicht genutzt werden könnte, würde das die Ukraine in eine bequeme Monopolsituation versetzen, die sie zur Erzielung von „Mondpreisen“ zu nutzen versuchen würde; denn sie selber beziehe inzwischen kein Gas mehr aus Russland, brauche also einen Lieferstopp nicht zu fürchten. Verständlicherweise würde solch ein Monopolverhalten von russischer Seite nicht akzeptiert werden. Die Gefahr der Unterbrechung der Gasversorgung wäre also erheblich.

Der Bedarf an Gas wird steigen, Frackinggas aus den USA ist zu teuer

Roland Götz, der sich seit vielen Jahren - u.a. in der Stiftung Wissenschaft und Politik - intensiv mit Energiefragen befasst, weist zudem darauf hin, dass der Rückgang der Gasförderung in der Nordsee wie im niederländischen Groningen langfristig dafür sorgen wird, dass der Bedarf an Gas aus Russland oder anderen Quellen steigen wird. Das teure Frackinggas aus den USA dürfte aber keine echte Option sein. Götz geht nun davon aus, dass selbst bei voller Ausschöpfung der Kapazität von Nord Stream 2 ein Teil des von Europa benötigten Gases weiter durch die Leitung der Ukraine geliefert werden müsse. Gerade Deutschland hat aber angesichts des wohlbegründeten Ausstiegs aus Atomenergie und Kohle auf absehbare Zeit ein besonders starkes Interesse an einer sicheren Versorgung mit günstigem Gas. Zumindest mittelfristig ist das unverzichtbar.

Dass die neueren Nord Stream – Leitungen störungsfreier und auch energieeffizienter sind als die über 40 Jahre alten Leitungen in der Ukraine (und natürlich auch auf der anderen Seite der Grenze in Russland), dürfte allgemein bekannt sein. Auch hat die Ukraine viele Jahre kaum in die Gasleitung investiert, was die Störungsanfälligkeit erhöht (veranschlagte Kosten der Sanierung nach Götz: 3 Milliarden Dollar, erst 2018 wurde aber mit nur 80 Millionen begonnen). Hinzu kommt, dass sowohl Nord Stream 1 als auch die Zwillingsleitung aus den reichen Gasvorkommen auf der Jamalhalbinsel bedient werden, die weit nördlicher liegen als ältere Gasquellen. Die direkte Leitung über die Ostsee spart einen Umweg von 2000 Kilometern gegenüber einem Transport via Ukraine, was sich natürlich auf Kosten und Energieeinsatz für den Transport auswirkt.

Die Angriffe auf Nord Stream 2 richten sich gegen unsere Interessen

Die USA und Polen verfolgen eigennützige wirtschaftliche Interessen, was legitim ist. Sie bedienen sich dabei allerdings in dreister Weise politischer Hebel, indem sie versuchen Nord Stream 2 zu sabotieren. Die Ukraine tut dasselbe – zum einen im oben genannten Interesse („Mondpreise“), zum andern um möglichst viele Verbindungen zwischen Russland und der EU zu kappen (siehe oben: „Russland im Blutrausch“).

Die Bundesregierung sollte dagegen unser Interesse an sicherer Versorgung mit günstigem Gas unbeirrt weiterverfolgen und sich keine politischen Knüppel zwischen die Beine werfen lassen, von wem auch immer sie kommen mögen. Letzten Endes handelt sie damit auf Dauer auch im Interesse der großen Mehrheit der EU-Länder. Und sorgt auch dafür, dass politisch wichtige Brücken zwischen Russland und der EU erhalten bleiben.

 

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