Bautzen (Budysin) - die alte Schöne mit dem Stasi-Elend

Immer wieder berichten Braunschweiger*innen von ihren Erlebnissen auf Reisen und senden diese Berichte mit Fotos an den Braunschweig-Spiegel. Wir kommen dem Wunsch nach Veröffentlichung gerne nach, wenn es nicht zu viele Berichte sind. Hier der Bericht über eine Reise in die Oberlausitz - nach Bautzen. (red)

Marktplatz mit Rathaus. Im Jahr 1213 wurde das Rathaus in Bautzen erbaut und mehr als 250 Jahre später der Rathausturm errichtet. Foto: M. Zoschke

Bautzen, eine kleine und feine Stadt in der Oberlausitz, nahe der polnischen Grenze, ist die älteste des Sechsstädtebundes, der um 1350 gegründet wurde. Dieser Bund diente in erster Linie zum Schutz der Händler, die immer wieder von Raubrittern überfallen wurden. Doch vereint waren die Städte stark, und so konnten sie plündernde Ritter aus verarmten Adel vertreiben. Damit begann die Blütezeit der Oberlausitz.


Bautzen, Stadt der Türme Foto: M. Zoschke

Schon damals lebten in der Oberlausitz die Sorben, das kleinste slawische Volk. Besucher werden immer wieder auf Spuren der Sorben stoßen, zumal auch noch oft sorbisch gesprochen wird. Die Straßenschilder sind zweisprachig, und Bautzen heißt dann “Budysin”.

Heute ist Bautzen eine beschauliche Kleinstadt, mit kleinen Geschäften, gepflasterten Straßen und alten hübschen restaurierten Häusern. Berühmtestes Produkt aus Bautzen ist der Bautzener Senf. Ihn gibt es in den verschiedensten Geschmacksrichtungen und ist weit über die Grenzen der Lausitz hinaus bekannt. Auch in Braunschweig kann man ihn kaufen.

In der Bautzener "Senfstube"  oder auch im Bautz`ner Senfladen gibt es den berühmten Senf "steinvermahlen und naturbelassen" Foto M. Zoschke

Doch Bautzen hat auch eine andere Seite. Mit der Stadt Bautzen verbindet sich nicht nur Kleinstadtidylle und Senf sondern auch ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Hier befand sich das Stasi-Gefängnis “Bautzen II”, ein Symbol für Willkür, Unrecht und politische Haft der SED-Diktatur. Es war das Sonderobjekt des Ministeriums für Staatssicherheit. Partei- und Regimekritiker, Fluchthelfer, Spione und abtrünnige  MfS-Mitarbeiter waren hier inhaftiert.


Arrestzelle Foto M. Zoschke

Das zweite Gefängnis in Bautzen, das “Gelbe Elend“, wird nur aufgrund der gelben Klinkerfassade so genannt. Es wurde nach Kriegsende 1945, von der russischen Besatzungsmacht als Speziallager genutzt, und ist heute eine Justizvollzugsanstalt.

Er hat es als Einziger geschafft auszubrechen; er wurde nach Monaten wieder gefangen. Hier ein Bericht über "Tunnel Dieter" Foto: M. Zoschke

Die Geschichte von Bautzen II begann im August 1956. Es war die einzige Strafvollzugseinrichtung des SED-Regimes und unterstand inoffiziell dem Ministerium für Staatssicherheit, was bis zum Ende der DDR vertuscht wurde.

Von 1956 bis 1989 wurden hier von der Stasi 2400 Menschen eingewiesen, 80 % davon waren politische Gefangene. 1992 übernahm das sächsische Justizministerium die Haftanstalten und schloss Bautzen II endgültig. Bis dahin hatte die Stasi genügend Zeit, die Spuren zu verwischen. Doch es ist ihr nicht ganz gelungen. Es gibt genügend Zeitzeugen, die helfen die Geschichte des Hauses zu rekonstruieren.

Nach einigen Jahren des Leerstandes begann dann 1994 der Aufbau der Gedenkstätte. Wer einen Zeitzeugen hören und sprechen möchte, kann das jedes zweite Wochenende im Monat erleben. Dann führt Manfred Matthies, ein ehemaliger Insasse, durch die Anstalt. Was er zu erzählen hat, hört sich recht abenteuerlich an, aber es war grausame Wirklichkeit.

Matthies wurde als Fluchthelfer zu 13 Jahren Haft verurteilt. Er war damals 19 Jahre alt, musste aber die gesamte Haft nicht absitzen. Durch eine Petition kam er früher frei, weiß aber nicht warum. Er vermutet, dass das durch Herbert Wehner und Erich Honecker geregelt wurde.

Er berichtet: Die Haftbedingungen waren unmenschlich, das Essen war sehr schlecht in den 50er und 60er Jahren. In manchen Zellen saßen bis zu 8 Personen. Mancher Inhaftierte drehte durch und kam dann in Isolationshaft. Konnte er sich auch hier nicht beruhigen, dann hat ein Feuerwehrschlauch für Ruhe gesorgt. In den Gängen vor den Zellen saß immer ein Stasi-Offizier.

Zahnschmerzen durfte niemand haben, denn einen richtigen Zahnarzt gab es nicht. Im Notfall übernahm ein Schließer die Angelegenheit. Er hatte einen Lehrgang gemacht und durfte dann mit einem alten Bohrer mit Fußpedal, Zähne plombieren bis 1972, evtl. sogar noch länger.


 Spitzelbericht Foto M. Zoschke

Die Gefangenen hatten keine Rechte. Wenn sie eingekleidet waren, waren sie nur noch Nummern. Geschätzte 10 % der Insassen betätigten sich als Spitzel. Die Inhaftierten wurden ausgehorcht und an die Stasi verraten. Jeder war glücklich, wenn alle halbe Jahr ein genehmigtes Paket eintraf, denn es gab weder Zahnpasta noch Hygieneartikel für Frauen. Einen Brief hingegen durfte man jeden Monat erhalten.

Hier das Haftschicksal von Erich Loest, Vorsitzender des Schriftstellerverbandes in Leipzig.

Dieses Unrecht ist noch lange nicht aufgearbeitet. Oder soll das gar nicht geschehen? Immer wieder werden Namen genannt, von Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Fragt man warum das alles offenbar niemanden interessiert, erhält man nur ein Schulterzucken und Sprachlosigkeit, oder aber die Antwort:” Vielleicht schämen sich die Betroffenen, oder sie wollen nicht als Verräter angesehen werden.”

Leider wurden viele Akten rechtzeitig vernichtet und damit viele Beweise auch. So müssen die Betroffenen weiter leiden und wir wundern uns, warum das Zusammenwachsen nicht so richtig klappt.

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