Gregor Gysi bei Graff: „Man muss aufhören können, zu siegen“

Es wurde keine Lesung, sondern eine lockere Plauderei über Politik und sein Leben: Gregor Gysi (links) im Gespräch mit Journalist Hans-Dieter Schütt bei „Graff“. Foto: Marcus von Bucholz

Hunde bellen und beißen. Esel bocken und treten nach ihren Widersachern. Katzen schleichen sich an, fixieren ihr Opfer, spielen mit ihm und schlagen dann unvermittelt zu. Und wenn’s mal schief geht – dann haben sie bekanntlich sieben Leben.

Da passt es gut, dass „Linken“-Politiker Gregor Gysi in seiner Autobiographie auf seine ersten sechs Leben zurückschaut. Der „zweimal 35-Jährige“ (Eigeneinschätzung) wartet noch auf das letzte, das Siebte – nach Kindheit, Jugend in der DDR, Anwaltsberuf, letztem SED-Vorsitzenden, argwöhnisch angefeindetem PDS-Vorsitzenden mit (widerlegten) Stasi-Kontakten und gefeiertem „Linken“-Star, der aus dem Bundestag nicht mehr wegzudenken ist. Weil seine Reden Spaß machen. Weil sein vergifteter Humor mehr ausdrückt, als andere direkt sagen. Weil er im TV-Schaufenster Bundestag so spitzfindig argumentieren kann, dass selbst die immerkritischen eigenen Genossen nur noch überwältigt Beifall klatschen. Beispiele gefällig?

„Ein Leben ist zu wenig“ überschrieb Gregor Gysi seine Autobiographie, die er vor seinem Braunschweiger Publikum vorstellte. Foto: Marcus von Bucholz

Hegels Dialektik führt in Marx’scher Ausformung (Unterdrückte – Unterdrücker – Auflösung der Gegensätze im Sozialismus) zwangsläufig zu einer neuen Gesellschaftsform, dem Kommunismus. Das „Vaterkind“ Gysi, geprägt vom Wirken seines Vaters Klaus als ehemaligem DDR-Kulturminister und langjährigem Staatssekretär für Kirchenfragen, hobelt diese eherne Dialektiktsdoktrin vor 270 Zuhörern bei „Graff“ widerspruchslos um: Aus der These „Kapitalismus“ und der Antithese „Sozialismus“ sei leider keine neue Gesellschaftsform entstanden. Sondern der Kapitalismus, der nicht einmal „gesiegt“ habe im Kampf der Systeme. Er sei halt „übrig geblieben. Und weil er kein Gegenüber mehr hat, wird er jetzt masslos.“ Dies zeige sich in der massiven Umverteilung von Vermögen und Besitz weltweit oder auch in der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse.

Die letzte – und auch die sich jetzt abzeichnende neue – GroKo betrachtet er mit großen Bedenken. Stattdessen plädiert er für eine Unions-Minderheitsregierung: „Einmal Minderheitsregierung würde die Demokratie stärken, aber dafür fehlt der Mut.“ In diesem Fall hätte die SPD die Möglichkeit, „sich mit der Linken und den Grünen auf eine neue soziale Politik zu einigen“. Doch die Chance sei vertan worden. Auch aus doktrinärer Disziplin heraus: „Die Linke hat im weitesten Sinn versagt, was den Staatssozialismus betraf. In Form der SPD ist sie jetzt am neoliberalen Krisenkapitalismus beteiligt, siehe Hartz IV, Entfristung, Bankenrettung etc. Und bei uns selbst geht das Thema ‚Ökologie’ nur dann, wenn es sozial gerecht abgefedert wird, was nicht immer möglich ist.“ Seine Partei sei auch „verpflichtet darauf hinzuweisen, dass sie für eine gute Wirtschaft sorgen will“. Doch dazu gebe es kaum tragfähige Aussagen im Parteiprogramm.

 

270 Zuhörerinnen und Zuhörer fanden Einlass in die restlos ausverkaufte Veranstaltung mit Gregor Gysi in der Buchhandlung „Graff“. Foto: Marcus von Bucholz

Großen Beifall erhielt Gysi von den Gästen, als er die Waffenlieferungen Deutschlands an beide Kriegsparteien in Syrien anprangerte. Und sagte: „Flucht aus Krisengebieten beendet man nicht durch Abschottung. Sondern durch Behebung der Fluchtursachen Krieg, Hunger, Tod, Umweltschäden.“

Anekdotenhaft reißt Gysi an diesem Abend weitere Themen an. Sein Verhältnis zu Kohl, mit dem er sich über die politischen Gräben hinaus offenbar nicht schlecht verstand. Seine angebliche Nähe zu alten SED-Granden: „Ich bin vor der Wende einem einzigen Politbüromitglied persönlich begegnet, und das war Egon Krenz. Honecker habe ich nie persönlich getroffen.“ Sein Treffen mit Prinz Klaus der Niederlande („der wollte nach stundenlangem Gespräch nur, dass keine Imbissbuden an den Mecklenburger Seen gebaut werden dürfen“). Sein Telefonat mit Gorbatschow, der ihm gesagt habe: „Wenn Sie die DDR auflösen, lösen Sie auch die Sowjetunion auf.“

Ein Anwalt verhandelt: Gysi im Gespräch mit einem Leser über den richtigen Wortlaut seiner Widmung. Foto: Marcus von Bucholz

 Was ist schief gelaufen bei der Wiedervereinigung eines Deutschlands, in dem die Mauer jetzt genauso lange weg ist, wie sie stand? Gysi: „Man hat die Eliten nicht vereinigt und sich für den Osten nicht wirklich interessiert. Man hätte neben dem Rechtsabbiegerpfeil wenigstens zehn Sachen aus der DDR übernehmen sollen, damit auch die Westler Vorteile von der Wiedervereinigung gehabt hätten: die kostenlosen Kitas, die Polikliniken, die Nachmittagsbetreuung für Kinder, damit beide Eltern arbeiten können. Ich verstehe nicht, warum der Westen den Osten zu Tode besiegen wollte. Man muss aufhören können, zu siegen.“

(Gregor Gysi: „Ein Leben ist zu wenig“, 583 Seiten, Aufbau Verlag; ISBN-10: 3351036841)

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