Die fast vergessene Revolution 1918: DGB erinnert an die Anfänge unserer Demokratie

DGB-Sekretär Hansi Volkmann (rechts) präsentierte gemeinsam mit Susanne Hesch und Gerhard Wysocki  die DGB-Wanderausstellung „100 Jahre Novemberrevolution Braunschweig“ Foto: Klaus Knodt

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Jahreszahl 1918 markiert aber weit mehr als nur das Ende des ersten Maschinenkriegs der Geschichte. Erst durch den Sturz der alten gesellschaftlichen Ordnung in den Nachkriegs-Revolutionstagen des November 1918 konnten die Grundsteine für unseren heutigen demokratischen Rechtsstaat gelegt werden.

Allgemeines gleiches Wahlrecht, Frauenwahlrecht, große Teile unserer Sozialgesetzgebung, des Arbeits- und Streikrechts – diese heute selbstverständlichen Bestandteile des politischen Lebens wurden erst in den Novembertagen 1918 erkämpft, so Hansi Volkmann, Sekretär des DGB Südostniedersachsen. Er stellte jetzt die Ausstellung der Gewerkschaften zum Thema „100 Jahre Novemberrevolution Braunschweig“ vor. „Sie ist als mobile Wanderausstellung konzipiert und zeigt die Chronologie und Ereignisse um den 8./9. November 1918 in Braunschweig, sowie die weitere Entwicklung bis zur Besetzung Braunschweigs durch die Freikorps-Truppen von General Maerker im April 1919.“ Vor Allem Schulen, Betriebe und Bildungsträger der Region sind eingeladen, die mobile Ausstellung für ihre Räumlichkeiten zu buchen.

 

Rund 40 Interessierte aus Medien, Initiativen und Schulen nahmen an der Vorstellung der DGB-Ausstellung im Gewerkschaftshaus teil. Foto: Klaus Knodt

In einem Team von rund 20 Mitarbeitern wurde die Ausstellung, neben den DGB-Gewerkschaften gefördert von der Bildungsvereinigung Arbeit + Leben BS, der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen und der Stadt Braunschweig, erarbeitet. Dozent und Ausstellung-Historiker Dr. Gerhard Wysocki hob während der Vorstellung hervor: „Wir betrachten im Rückblick die deutsche Geschichte sehr NS-bezogen. Erst auf der Negativfolie der Nationalsozialisten basiert unser heutiger Demokratiebegriff. Das ist aber viel zu kurz gefasst.“ Dahinter verblasse die Leistung der Akteure der deutschen Novemberrevolution 1918. Erst durch sie wurde in Braunschweig (und im ganzen Reich) das Dreiklassen-Wahlrecht beseitigt und das Frauenwahlrecht eingeführt. Bis zum November 1918 durften nur männliche Bürger über 24 Jahre ihre Stimme gestaffelt nach Steueraufkommen abgeben – die Soldaten in den Schützengräben, die bis zum Kriegsende die Hauptlast des mörderischen Vernichtungskrieges tragen mußten, waren ebenso wie alle Frauen von Wahlen ausgeschlossen. Millionen Opfer der deutschen Großmannssucht durften nicht mal ihre Henker selbst wählen.

Nach dem Kieler Matrosenaufstand am 3. November schwappte die Welle der kriegsmüden und revolutionären Kräfte massiv in die Arbeiterstadt Braunschweig und führte bereits am 8. November zur erzwungenen „Abdankung“ (vulgo: zum Rausschmiss) des letzten Braunschweiger Herzogs Ernst August. Zwei Tage später wurde von der im Flügelkampf der Sozialdemokratie links stehenden USPD die „sozialistische Republik Braunschweig“ ausgerufen, in der mit Minna Fasshauer erstmals in Deutschland eine Frau als Ministerin (für das Ressort Volksbildung) ernannt wurde. Wysocki: „Das Reich zog nach, als die Revolution in Braunschweig schon gelaufen war. Wir möchten diese Entwicklung, die im Krieg unter den Forderungen „Friede, Brot und Demokratie“ entstand, wieder in die Öffentlichkeit bringen.“ Pittoreske Ironie der Geschichte: Während die heutige Sozialdemokratie die Abspaltung der USPD gern aus ihrer Eigenhistorie verbannt, wird die USPD-Linke Minna Fasshauer gern als leuchtende Fackel der Frauenbewegung auf SPD-Sockel erhoben. „Mach ich mir die Welt, wie sie mir gefällt“, sang einst schon Pippi Langstrumpf.

Viele heute wieder im Braunschweiger Gedächtnis angesiedelten Geschichtsereignisse erhalten erst vor dem Hintergrund des Herbstes 2018 ihre Bedeutung: So waren mindestens vier der elf Ermordeten des SS-Massakers am Rieseberg im Jahr 1933 schon aktiv an der Revolution von 1918 beteiligt, stellte Wysocki fest. Und der „Braunschweiger Volksfreund“ unter seinem Redakteur August Thalheimer vertrat bereits 1918 die Position der damals radikallinken Kriegsgegner – während heute fast nur noch der späteren Schliessung und blutigen Erstürmung des Voksfreundhauses durch die Nazis gedacht wird.

Susanne Hesch stellte die einzelnen Themenschwerpunkte der Ausstellung vor, für die die DGB-Jugend eine pädagogische Begleitung entworfen hat. Detaillierte Informationen über das gesamte Projekt stellt der DGB auf der Website www.novemberrevolutionbraunschweig.de bereit, die  demnächst frei geschaltet wird.

Die historischen Stationen der Novemberrevolution 1918 werden mit Ausstellungsbeginn zudem bei Spaziergängen durch die Stadt vermittelt. „Spaziergänge“ waren in den Revolutionstagen das probate Mittel, um sich unbelauscht von kaiserlichen Spitzeln und Schergen des Obrigkeitsstaates miteinander politisch auszutauschen. Die Touren führen gemütlich zu Fuß durch die Innenstadt und können ab September beim DGB-Büro in Braunschweig gebucht werden.

Begleitet wird die mobile Ausstellung durch ein umfangreiches Vortrags- und Seminarprogramm, das Mitte September beginnt. Die komplette Ausstellung wird (inklusive Gerüsttechnik) angeliefert, aufgebaut und wieder abgeholt. Sie kann ab sofort kostenfrei beim DGB Südostniedersachsen gebucht werden. Ein Katalog mit umfangreichen Quellenangaben, Literaturhinweisen und Zusatzinformationen ist in Planung

 

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