Bericht aus Bumsdorf XIII - Fortschritt? Nicht mit mir!

In meiner heimatlichen Zeitung gibt es derzeit eine Serie, die sich mit dem Leben des großen Mathematikers Carl Friedrich Gauß beschäftigt. Sie liest sich recht angenehm, wenn auch manchmal etwas leidenschaftslos. Ich überfliege sie daher regelmäßig, obwohl ich kalauernd gestehen muss: Gauß ist mir ein Graus. Vielleicht liegt es daran, dass in mir der Neid nagt, denn von den Dingen, mit denen sich dieser Gelehrte beschäftigt hat, verstehe ich nichts. In der Rechenkunst bin ich nie weit gekommen, mein Abitur wurde mir trotzdem verliehen, denn es gab ja genug Fächer zum Ausgleichen meiner diesbezüglich miserablen Zensuren: z.B. Deutsch, Geschichte, Philosophie, Politik, Sozialkunde, Gemeinschaftskunde, Staatsbürgerkunde und Badminton.

Aber nein, Neid ist es eigentlich gar nicht, vielmehr unverhohlene Bewunderung für die Leistungen dieses niedersächsischen Sternen- und Erbsenzählers. Gauß hat sich nämlich auch als Astronom hervorgetan und allerlei Planeten- und Asteroidenbahnen berechnet, indem er mit einem mickrigen Fernglas in den Himmel gestarrt hat, um dann 1 und 1 zusammenzuzählen und mal mehr, mal weniger richtige Ergebnisse zu bekommen. Immerhin hatte er Ergebnisse! Ich dagegen hätte keinerlei Resultate vorzuweisen, denn ich würde erst gar nicht anfangen zu rechnen. Zahlen sind mir so fremd, wie Sterne fern sind.

Und die Erde ist eine Scheibe. Das sieht man doch. Wäre sie eine Kugel, würden wir ja runterplumpsen. Wenn alle Menschen so wie ich wären, hätten wir auch immer noch keine Autos erfunden. Wozu denn auch?

Die Antwort meines fiktiven, naturwissenschaftlich begabten Steinzeitweibs auf diese eigentlich rhetorisch gemeinte Frage: „Weil es doch schön wäre, wenn wir nicht immer alles selber tragen müssten!“

Ich: „Wir haben doch den Esel.“

Sie: „Und der ist genauso störrisch wie du.“

Ich: „DU willst doch immer Tiere haben. Den Säbelzahntiger, den Wolf, das Mammut...“

Sie: „Das schließt sich ja nicht aus!“

Ich: „Automobile – das geht doch auch gar nicht.“

Sie: „Doch. Guck mal...“ (erklärt mir die Grundprinzipien eines Otto-Motors)

Ich: „Das hört sich aber an, als wäre so ein Ding ziemlich laut. Gib’s zu: Der stinkt doch bestimmt auch?!“

Sie: „Aber der Esel ist doch auch nicht geruchsneutral.“

Ich: „Der riecht aber anders. Fast angenehm.“

Sie: „Du willst bloß nicht!“

Ich: „Und überhaupt hat sich der Esel doch in der Praxis bewährt. übrigens: Das Feuer ist ausgegangen. Hoffentlich schlägt bald mal wieder der Blitz ein.“

Sie: „Ach Axel...“

Meine konservative Grundhaltung gegenüber technischen Dingen ist also kaum zu überbieten. Immerhin – und das sage ich nicht ohne Stolz – bin ich inzwischen in der Lage, einen Computer einzuschalten und ein Textverarbeitungsprogramm zu benutzen. Ja, ich kann sogar Emails abfragen und beantworten und manchmal auch Attachments dranhängen, ohne eine kollektiven Stau auf der digitalen Datenautobahn zu verursachen!

Dabei zeigt sich doch nirgendwo der Unsinn des technischen Fortschritts deutlicher als daran, dass man beim morgendlichen Postlesen Angebote für Penisvergrößerungen in seinem Email-Fach findet. Dafür nun also all die Erfindungen, Entdeckungen, intellektuellen Leistungen? Für Pimmelerweiterungen und die durch Viagra-Konsum hervorgerufene Dauerlatte? Für digitale GMX-Nachrichten wie: „Patrick Dempsey findet sich viel ‚heißer’ als Damon und Clooney“, „Tschechin zur ‚Miss EM’ gekürt. Die 22-jährige Dominika sieht auch im Trikot ihrer Nationalmannschaft gut aus“ und „Immer mehr Stars lassen in Charity-Auktionen ein Date versteigern“?

Wenn das Fortschritt sein soll, hätten wir doch auch als Einzeller planschend im Urmeer bleiben können. An Land ist es schließlich auch nicht besser und Wasser gibt’s da draußen auch nicht soviel.

Mein Einzeller-Weib: „Ach Axel...“

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